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Chronik

Vom Lehrerseminar zum Johannes-Kepler-Gymnasium

Metamorphosen einer Schule

Seit dem 9.12.1975 führt das ehemalige Aufbaugymnasium Lebach den Namen Johannes-Kepler-Gymnasium. Seine Geschichte reicht zurück bis zur Gründung des Lehrerseminars im Jahre 1948. Sie spiegelt vier Jahrzehnte saarländischer Schul- und Bildungspolitik wider.

Als in den Jahren 1937-41 außerhalb der Ortslage von Lebach am Fuße des bewaldeten Hoxbergs Kasernen errichtet wurden, dachte wohl niemand daran, dass nur wenige Jahre später in diesen Gebäuden angehende Lehrer ihren Pestalozzi oder Spranger büffeln würden. Zuvor wurden die Kasernen aber noch bis 1944 als Lazarett genutzt. Nachdem durch Artikel 31 der saarländischen Verfassung vom 15.12.1974 die konfessionelle Lehrerbildung im Saarland eingeführt worden war (in Ottweiler ev. Lehrer u. Lehrerinnen, in Blieskastel kath. Lehrerinnen, in Lebach kath. Lehrer) bezog das staatliche katholische Lehrerseminar Ende August 1948 einen Teil der Kasernenblöcke. In den restlichen Gebäuden wurden das Realprogymnasium, die Gehörlosenschule und die Blindenschule des Saarlandes untergebracht. Die Seminaristen, in Lebach waren es 424 im Jahre 1948, mussten auf einen Teil ihrer Freiheit verzichten; denn es war ausnahmslos für alle Pflicht, im Internat zu wohnen. Nur an jedem vierten Wochenende durften Sie nach Hause zu ihren Familien. Dies ist um so bemerkenswerter, als zu den Seminaristen auch Familienväter gehörten, die nach der Kriegsgefangenschaft ihre unterbrochene Ausbildung abschließen wollten. Da die saarländische Regierung im Jahre 1956 die Lehrerausbildung zu akademisieren begann, wurden die Seminare schrittweise in Aufbauschulen umgewandelt. Am 3. Mai 1956 wurde die katholische Pädagogische Akademie eröffnet. Im Juni 1956 veröffentlichte die Regierung in der Tagespresse die Bedingungen, unter denen sich Bewerber für die Aufnahme in die staatlichen Lehrerseminare anmelden konnten. Im Text hieß es u.a. "Es ist damit zu rechnen das diese (1.) Klasse des Seminars in eine Klasse der künftigen Aufbauschule umgewandelt werden wird." Die Kollegien der Seminare, die vorher weder befragt, noch informiert worden waren, folgerten aus dieser Zeitungsmeldung, dass die Regierung beabsichtigte, die Seminare aufzulösen.

Unter der Überschrift "Aufnahme in die staatlichen Aufbauschulen (bisher Lehrerseminare)" gab die saarländische Regierung am 15.2.1958 bekannt: "Die Aufbauschulen führten in einem sechsjährigen Lehrgang zur vollen Hochschulreife. Alle erfolgreichen Besucher haben die Möglichkeit, über eine pädagogische Akademie nach weiteren zwei Jahren in den Beruf des Lehrers zu kommen." Am 18.2.1958 verfügte der saarländische Kultusminister: "Mit den staatlichen Aufbauschulen sind Schülerheime verbunden, die konfessionell geleitet werden (Lebach: kath. Jungen)." Die Aufbauschulen selbst waren als sechsklassige höhere Schulen keine Konfessionsschulen. Die staatliche Aufbauschule Lebach wurde am 4. September 1958 gegründet. Parallel dazu liefen noch die Klassen des Lehrerseminars, das am 21.3. 1964 die letzten 49 Junglehrer entließ und unter diesem Datum aufgelöst wurde. Da die Aufbauschulen nicht in neun, sondern in sechs Jahren zum Abitur führten, konnten "nur wirklich begabte Volksschüler/innen, die zuletzt die 7. bzw. 8. Volksschulklasse erfolgreich besucht haben, nach bestandener Prüfung aufgenommen werden." In den Unterlagen zur Aufnahmeprüfung 1958 heißt es: "Die Aufnahmeprüfung dauerte vier Tage (v. 25.-28.3. 1958). Die Schüler wohnten während der Prüfung im Schülerheim der Aufbauschule Lebach. Um die Zulassung zur Aufnahmeprüfung bewarben sich 212 Schüler. Es haben an der Prüfung 206 Schüler teilgenommen. Wegen Überschreitung der Altersgrenze wurden 4 Schüler nicht zugelassen. Aufgenommen wurden 77 Schüler (das sind 37,1%). Am 20.5.1960 wurden die Aufbauschulen in Aufbaugymnasien umbenannt.

Für den einsetzenden Ansturm von "Bildungsreservisten" gab es weder genügend Lehrer noch genügend Räume. Trotz hoher Klassenfrequenzen (z.B. 1965 in einer Kl. 9 48 Schüler, 1967 in einer Klasse 11 37 Schüler) konnte der Unterricht nicht in allen Fächern und nicht in der vorgeschriebenen Stundenzahl erteilt werden. Weil das Aufbaugymnasium mit einem Internat verbunden war, umfasste der Einzugsbereich nicht nur das gesamte Saarland, sondern auch die angrenzenden Gebiete von Rheinland-Pfalz. Dies hat sich inzwischen zwar geändert, aber der Einzugsbereich des Johannes-Kepler-Gymnasiums reicht auch heute noch weit über die mehr oder weniger willkürlich abgegrenzte Schulregion hinaus.

Da auch auf die Gymnasien der Langform und der vielen neu gegründeten Realschulen ein großer Schülerandrang einsetzte, gingen den Aufbaugymnasien langsam die Reserven aus. Obwohl seit 1967 auch Mädchen aufgenommen wurden, nahmen am Aufbaugymnasium Lebach die Schülerzahlen stetig ab. Im Schuljahr 74/75 wurden nur noch 34 Schüler/innen aufgenommen. Als dieser Jahrgang 1980 die Reifeprüfung abgelegt hatte, war das Aufbaugymnasium abgelaufen.

Diese Schulform, die es heute im Saarland aus guten Gründen nicht mehr gibt, hatte in den sechziger und siebziger Jahren eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie hat vielen Arbeiterkindern und "Spätberufenen" Bildungs- und Lebenschancen eröffnet, die auch genutzt worden sind. Als im Februar 1971 der DDR Schriftsteller Hermann Kant am Aufbaugymnasium Lebach aus seinem Roman "Die Aula" vorlas, wunderte er sich, dass es in der Bundesrepublik Deutschland eine Höhere Schule gab, an der fast 90% der Schüler und Schülerinnen aus Arbeiter und Angestelltenfamilien stammten.

Als die abnehmenden Schülerzahlen darauf hindeuteten, dass das Aufbaugymnasium nicht auf Dauer bestehen bleiben könne, führten die beharrlichen Bemühungen Herrn Oberstudiendirektor Schmidts dazu, dass das Aufbaugymnasium in ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium umgewandelt wurde. Wegen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausrichtung benannte sich die Schule nach Johannes Kepler (1571 1630), dessen "Planetengesetze und Naturkenntnis die Grundlage bilden, auf der die Naturwissenschaft bis heute weiter baut", wie Martha List, Mitglied der internationalen Keplerkommission, in einem Festvortrag formulierte, den sie bei der Gedenkstunde zum 350. Todestag Johannes Keplers in der Aula des Gymnasiums hielt.

Das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium unterscheidet sich vom alt oder neusprachlichen Gymnasium nur im Bereich der Mittelstufe, insbesondere in den Klassenstufen 9 und 10, in denen Physik als schriftliches Fach statt der dritten Fremdsprache und Mathematik und Chemie verstärkt unterrichtet werden. In der Orientierungsphase (Klassenstufen 5 und 6) und in der Oberstufe (Kl. 11-13) gelten für alle Gymnasien gleiche Anforderungen, Stoffpläne und Stundentafeln. In der reformierten Oberstufe (Kl. 12 und 13) arbeitet das Johannes-Kepler-Gymnasium sehr eng mit dem benachbarten Realgymnasium zusammen. Dadurch können den Schülern und Schülerinnen beider Schulen möglichst viele Kurse und Kurskombinationen angeboten werden. Die Sprachenfolge am Johannes-Kepler-Gymnasium ist Französisch Englisch. Seit dem Schuljahr 1982/83 ist es auch möglich, in Klasse 5 mit Englisch als erster Fremdsprache zu beginnen. Französisch folgt dann als 2. Fremdsprache in Klasse 7. In der Garnisonsstadt Lebach kommt diese Regelung vor allem Bundeswehrsoldaten entgegen, die aus beruflichen Gründen häufiger den Wohnsitz wechseln müssen. Da in den meisten Bundesländern Englisch erste Fremdsprache ist, können ihre Kinder, die eine höhere Schule besuchen, einen Schulwechsel besser bewältigen.

Im Schuljahr 1987/88 wurde ein neusprachlicher Zweig mit Spanisch als dritter Fremdsprache ab Klasse 9 eingerichtet. Nach Klassenstufe 8 können die Schüler und Schülerinnen zwischen diesem neusprachlichen und dem mathematisch naturwissenschaftlichen Zweig wählen. Im Hinblick auf das zusammenwachsende Europa bietet dieses erweiterte sprachliche Angebot eine sinnvolle Alternative zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildungsgang. Bisher konnte in jedem Schuljahr eine Spanischklasse gebildet werden, ein Zeichen dafür, dass das Angebot auch angenommen wird.

Seit dem 1.1.1987 ist dem JKG ein Internat angeschlossen, das Jungen und Mädchen ab Klasse 4 aufnimmt. Es wird als Ganztags- und Halbtagsinternat geführt. Im Halbtagsinternat werden nach einem gemeinsamen Mittagessen Schülerinnen und Schüler aller Schulformen von montags bis freitags zwischen 14 und 16 Uhr von Fachkräften betreut. Anschließend fahren diese Schülerinnen und Schüler nach Hause. Den Schülerinnen und Schülern des Ganztagsinternats wird Studienhilfe zwischen 16 und 18 Uhr angeboten. Zur Verbesserung der Wohnqualität wurde von 1987 bis 1988 ein Internatsgebäude mit einem Kostenaufwand von 2,7 Millionen DM renoviert. An einem zweiten Gebäude sind die Renovierungsarbeiten noch im Gange.

Altersstruktur des Kollegiums des staatlichen Johannes-Kepler-Gymnasiums Lebach

Zum Kollegium des JKG gehören im Schuljahr 1990/91 44 männliche und 12 weibliche Lehrkräfte. Die am Diagramm ablesbare, im Landesvergleich überdurchschnittlich günstige Altersstruktur ist darauf zurückzuführen, dass im Gegensatz zum landesweiten Trend die Schülerzahl seit 1975 zunahm und der Schule deshalb neue, auch jüngere Lehrkräfte zugewiesen werden mussten. Dadurch behielt das Kollegium Anschluss an moderne pädagogische und methodische Entwicklung, die sich nicht nur im Unterricht umsetzen lassen, sondern auch z.B. in Arbeitsgemeinschaften, Projekten, Schüleraustausch und Schulpartnerschaften nutzbar gemacht werden können.

Die nachfolgende Statistik verdeutlicht die 
Entwicklung des Johannes-Kepler-Gymnasiums seit 1975:

Jahr

Neuauf-nahmen

Schüler- zahl

Klassen

Jahr

Neuauf-nahmen

Schüler- zahl

Klassen/
Kurse

Abitu-rienten

75/76

71

71

2

83/84

75

635

23/5

38

76/77

80

154

5

84/85

82

626

23/7

48

77/78

87

241

8

85/86

68

604

23/7

42

78/79

111

348

12

86/87

93

606

23/8

54

79/80

100

447

17

87/88

95

620

23/8

54

80/81

108

537

21

88/89

95

625

24/7

60

81/82

79

572

23

89/90

105

655

25/6

43

82/83

76

599

26

90/91

131

712

26/7

(45)

Obwohl es nun schon seit fünfzehn Jahren das Johannes-Kepler-Gymnasium gibt, sprechen alteingesessene Lebacher noch immer vom "Seminar", wenn sie das JKG meinen, und auch die Deutsche Bundesbahn hat das neue Markierungsschild an der Bushaltestelle neben der Einfahrt zum JKG noch mit "Seminar" gekennzeichnet. So wird wohl das "Johannes-Kepler-Gymnasium" noch eine Weile mit dem "Seminar", aus dem es hervorgegangen ist, konkurrieren müssen. Vielleicht hat der bei Schülern beliebte Ausdruck "Kepler Ranch" eher Aussicht, den Konkurrenzkampf mit dem "Seminar" zu gewinnen.

Wichtige Veränderungen, von der Landespolitik verordnet, traten in den neunziger Jahren ein. Das Saarland übertrug die Verantwortung für die Gymnasien den Kreisen. Seit 1992 ist das JKG ein Gymnasium des Landkreises Saarlouis. Das dem Gymnasium angegliederte Internat wurde im gleichen Jahr (1992) geschlossen. Eine weitere Änderung betrifft die Sprachenfolge. Die Möglichkeit, Englisch oder Französisch in Klasse 5 als 1. Fremdsprache zu wählen, wurde am 14.10.1993 vom Kultusministerium aufgehoben. Seit dem Schuljahr 1994/95 ist Englisch als erste Fremdsprache verpflichtend. Französisch wird als 2. Fremdsprache ab Klasse 7 unterrichtet. Die Sprachenfolge Englisch - Französisch - Spanisch gilt für den neusprachlichen Zweig, der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig wird geführt mit Englisch - Französisch -Physik (als Hauptfach).

Mit einem vielfältigen Angebot an Neigungskursen versucht das JKG Begabungen zu fördern und Interessen zu wecken. Arbeitsgemeinschaften und Praktika werden in den naturwissenschaftlichen Fächern und Informatik angeboten, in einem Biotop können Schüler und Schülerinnen den Umgang mit der Natur erproben, eine rege Schach-AG hat schon an vielen Turnieren teilgenommen und ansehnliche Preise errungen, eine Schulband mit dem Namen "STAIRWAY" hat sehr erfolgreich das JKG in der Öffentlichkeit vertreten und 1996 eine CD produziert. Wer Theater spielen oder fotografieren möchte, hat Gelegenheit dazu in einer Foto- oder Theater-AG. Seit 1997 ist das JKG an das Internet angeschlossen. Mit der Schulzeitung "Prisma", deren 9. Folge gerade erschienen ist, informiert das JKG seit 1990 über das schulische Leben und fördert das Zusammenwirken von Eltern, Schülern und Lehrern.

Weit gespannt ist der Rahmen der Beziehungen des JKG zu Schulen in anderen Ländern. Seit 1989 besuchen sich Schüler des JKG und des Collège Teyssier in Bitche, der Partnerstadt Lebachs. Italienische Schüler aus Bozen, Brixen und Meran verbringen jährlich einige Wochen am JKG, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Mit der Pine Rivers State High School in Strathpine bei Brisbane in Australien bestehen seit 1992 und mit dem Lyceée St. Anne d'Auray in der Bretagne seit 1994 Schulpartnerschaften.