Bildende Kunst


Kunsterziehung gestern und heute. Morgen auch?

Seit der Einführung der Bildenden Kunst als Schulfach im 19. Jahrhundert wird ihr immer aufs Neue dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend eine andere Aufgabe zugewiesen:

  • Kunsterziehung als Entwicklungshilfe für die reifende Persönlichkeit. Betonung der individuellen Entfaltung und   des Spiels (Kunsterzieherbewegung, Musische Bildung)
     
  • Kunstunterricht als rational planbarer und berechenbarer Prozess. Vorbild die Exaktheit der Naturwissenschaften. Betonung des Lehr-/Lernbaren.
     
  • Kunstunterricht als kritische Theorie. Unterricht als politisches Instrument: Emanzipation, Ideologiekritik, Durchsetzung eigener Interessen …(Visuelle Kommunikation)
     
  • Kunstunterricht als Machen und Experimentieren, als kreatives Werkstattgeschehen, Trivialisierung  und Entgrenzung der Kunst. Motto: Alles ist Kunst. Kunst darf alles. Jeder ist ein Künstler.

Der Kunstlehrer von heute muss sich durch das postmoderne Labyrinth der Auffassungen und  Ansätze schlagen. Er kann ihm nur entkommen, wenn er selber entschieden auswählt. Er kann sich nicht einfach nur auf Vorgaben von Lehrplankommissionen,  Fach- und Kultusministerkonferenzen zurück beziehen, zumal diese in jüngster Zeit sich als äußerst fragwürdig erwiesen haben.

Am Johannes-Kepler-Gymnasium bezeichnen sich die Lehrer des Faches Bildende Kunst als Kunsterzieher. Sie übernehmen damit nicht einfach einen früheren Ansatz, sondern dokumentieren damit die Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung wie sie die Entwicklungspsychologie  herausstellt. Schüler der Sekundarstufe I bedürfen der Entwicklungs- und Lebenshilfe (Erziehung). Aus den bildnerischen Äußerungen der Schüler lassen sich deutlich Rückschlüsse ziehen auf deren seelische Entwicklung. Im Bild drückt sich die menschliche Person aus, die der Kunsterzieher nicht ignorieren darf. Neben diesem Aspekt sind es die Gesetzmäßigkeiten der Kunst selbst, welche Maßstäbe hergeben. Die Fachinhalte dürfen nicht zweitrangig hinter den Methoden (Didaktik) zurückstehen. Kunst bedeutet Leben mit der Schönheit der Formen und Farben. Was wäre ein Leben ohne Schönheit: eine verschandelte Landschaft, ein verwahrlostes Haus, eine hässliche Zimmereinrichtung, schlecht gestaltete Gebrauchsgegenstände usw. bedrücken den Menschen. Kunst bedeutet Lebensqualität.

Ihrem Wesen nach ist Kunst zu nichts nütze. Sie hilft aber jenseits der Macht und des Geldes sinnvoll leben. Kunst bedeutet schöpferische Freiheit. Aber diese ist begrenzt. Wo sie Menschenwürde verletzt, verdient sie keine Wertschätzung.

In der Kunst ist weder alles lehr- und lernbar noch alles plan- und messbar. Kunsterzieher können geduldig die Saat pflegen, die sie nicht gesät haben. Sie können offen sein für das unvorhergesehene Arbeitsergebnis und das,  was sich nicht messen lässt, doch zu verstehen suchen.

Kunstunterricht bedeutet Theorie und Praxis in wechselseitiger Ergänzung. Wertendes Sehen und tätiger Ausdruck entwickeln sich gemeinsam. Kunst ist ein Erkenntnisweg und Mittel der Persönlichkeitsbildung. Nur so verstanden macht Kunst Sinn.

Derzeit wird die Frage nach der Bildung ständig neu aufgeworfen, und ein Bildungsmarathon ist in Gang gesetzt worden, der vor allem durch ökonomische Interessen bestimmt wird. Muss Bildende Kunst da nicht überflüssig erscheinen?

Eine Bildungsreform, die nur die Ausbildung für das Kollektiv anstrebt und eine vertiefte Bildung des Einzelnen um seiner selbst willen vernachlässigt, verdient diesen Namen nicht.

Wird morgen Kunst noch im Bildungsbetrieb ihre Daseinsberechtigung haben? Wird man sehen wollen, dass Kunst zum Menschen gehört, sich und die Welt in Bildern begreift und dass sich sein Streben nach Schönheit, Wahrheit, Erkenntnis in Bildern zeigt?

Im Namen der Fachschaft BK StR Hans-Josef Schmitt

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